„Warum sollten wir nicht den nächsten Schritt zu digitalen Währungen nehmen?“

„Warum sollten wir nicht den nächsten Schritt zu digitalen Währungen nehmen?“

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April 7, 2021 von chris
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Deckblatt der Analyse der Deutschen Bank. Ist das Selbstironie? Analysten der Deutschen Bank sehen in digitalen Währungen die Zukunft. Für Europa zeichnen sie aber ein eher düsteres Bild: Die EU wird zum Verlierer der Revolution durch digitale Währungen, während China und die USA gewinnen. Ist die Lage wirklich so schlimm? Die Deutsche Bank hat ein
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Deckblatt der Analyse der Deutschen Bank. Ist das Selbstironie?

Analysten der Deutschen Bank sehen in digitalen Währungen die Zukunft. Für Europa zeichnen sie aber ein eher düsteres Bild: Die EU wird zum Verlierer der Revolution durch digitale Währungen, während China und die USA gewinnen. Ist die Lage wirklich so schlimm?

Die Deutsche Bank hat ein Paper über Digitale Währungen veröffentlicht, das gleichzeitig Optimismus und Pessimismus ausdünstet – Optimismus für digitale Währungen, Pessimismus für Europa. Man kann die Analyse schon geradezu als Hilferuf und Warnung verstehen.

Das Paper beruht auf einer Umfrage von 3.600 Kunden der Bank aus Deutschland, Europa, den USA und China, sowie den Ansichten der Autoren über Gegenwart und Zukunft digitaler Währungen.

Die im Paper dargelegten Prognosen zeichnen ein sehr eindeutiges Bild von der Zukunft: Digitale Währungen werden in der kommenden Dekade rasant wachsen und Plastikkarten als Zahlungsmittel verdrängen. Eine digitale Währung, die zum Mainstream wird, wird die Gebühren digitaler Zahlungen nahezu eliminieren und das Settlement von Transaktionen erheblich beschleunigen. Die besten Anwärter für eine erfolgreiche digitale Währung sind Facebooks Libra bzw. Diem sowie der digitale Yuan von Chinas Zentralbank. Beide Projekte haben das Potenzial, die Balance der globalen ökonomischen Machtverhältnisse zu verändern.

Während die Vorhersage für die Zukunft äußerst deutlich ausfällt, bleibt das Paper im Detail etwas unbefriedigend. Auf der einen Seite werden die Ergebnisse der an sich spannenden Umfrage nur am Rande und unsystematisch erwähnt, während die Prognosen auf der anderen Seite im besten Fall begründete Vermutungen sind, bei denen im Detail extreme Lücken klaffen.

Deutsche hängen am Bargeld, alte Menschen verstehen Krypto nicht

Dabei gibt die Umfrage von 3.600 Kunden der Deutschen Bank viel her. So zeigt sie etwa deutlich, wie unterschiedlich die verschiedenen Altersgruppen Kryptowährungen wahrnehmen: Je jünger, desto optimistischer, je älter, desto pessimistischer.

Fast 40 Prozent der 18-34-Jährigen meinen, dass Kryptowährungen Bargeld und Kreditkarten ersetzen und gut für die Wirtschaft sind. Bei den über 55-Jährigen sehen das nicht mal 20 Prozent so. Dafür meinen etwa 60 Prozent dieser Altersgruppe, dass Kryptowährungen eine Finanzblase schaffen, zu volatil, unreguliert und schwer zu verstehen sind. Dies wiederum sehen nur rund 40 Prozent der jüngeren so.

Einstellung der Befragten nach Alter zu Kryptowährungen

Ebenso markant sind die nationalen Unterschiede. So haben vor allem junge Menschen in China, Italien und Frankreich mehr Erfahrungen mit Kryptowährungen als in Deutschland, während hierzulande die älteren Menschen häufiger Kryptowährungen gekauft oder verkauft haben als in anderen europäischen Ländern. Die Umfrage bestätigt zudem erneut, dass man in Deutschland Plastikkarten als Geld sehr viel mehr misstraut als in anderen Ländern und stattdessen signifikant stärker auf Bargeld setzt – vor allem unter älteren, geringverdienenden Männern. Dies könnte dazu passen, dass sich die Gruppe der Älteren in Deutschland stärker auf Kryptowährungen einlässt als in anderen Ländern – sie sehen darin vielleicht eine digitale Fortsetzung des Bargeldes.

Die Frage nach dem bevorzugten Zahlungsmittel bestätigte die alte Beobachtung, dass Deutschland extrem am Bargeld hängt

Die Umfrage erfasste das Alter, das Einkommen, den Wohnort sowie die Einstellung zu Kryptowährungen, Bargeld und Kreditkarten. Leider schöpft das Paper diesen Datenschatz nicht im Ansatz aus.

Dennoch sind die weiteren Analysen spannend: Sie zeigen, wie eine mögliche Zukunft der digitalen Währungen aussehen kann.

Die Zukunft gehört der Chinesischen Zentralbank und Facebook

Die Forscher gehen davon aus, dass digitale Währungen „Zahlungen, das Banking, die Zentralbanken und wirtschaftliche Machtverhältnisse radikal verändern werden“. Denn schließlich „haben wir uns bereits vom Goldstandard zu einem Fiatgeld entwickelt. Warum sollten wir nicht den nächsten Schritt zu digitalen Währungen nehmen?“

Allerdings ist diese Veränderung kein Selbstläufer. Damit digitale Währungen den Mainstream erreichen, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein: Sie brauchen die Deckung einer Regierung, und sie müssen stabil sein und weithin akzeptiert werden. Dies ist trotz erheblicher Vorteile für User bisher noch nicht geschehen.

Unter anderem stehen der Ankunft von digitalen Währungen im Mainstream bisher regulatorische Probleme entgegen – etwa Geldwäsche, Terrorfinanzierung, Betrug, Marktmanipulationen -, die fehlende Unterstützung durch Händler und Zahlungsdienstleister, sowie schließlich die mangelnde Stabilität.

Die Preise von Kryptowährungen sind zu volatil, was es riskant macht, sie zu halten. Darüberhinaus ist Bitcoin eine extrem schlechte Recheneinheit für Schulden. Man will sich nicht in einer Währung verschulden, die ihren Wert im Lauf einiger Jahre verzehnfacht.

Die besten Chancen, diese Schwierigkeiten zu überwinden, räumen die Autoren Facebooks Diem sowie dem digitalen Yuan der Chinesischen Zentralbank ein. Denn beide können eine Masse in Bewegung setzen: Facebook seine 2,5 Milliarden User, China seine 1,4 Milliarden Einwohner. Beide haben zudem gute Chancen, Allianzen mit wichtigen Partnern zu schaffen: der digitale Yuan mit Chinas Zahlungsdienstleistern Alipay und WeChat Pay sowie der Shopping-Plattform Alibaba, Diem mit Apps wie Apple Pay und Google Pay, Kreditkartenanbietern wie Visa und Mastercard sowie Handelsplattformen wie Amazon und Walmart.

Dass in der Liste von wichtigen Partnern kein einziges europäisches Unternehmen auftritt, ist peinlich. Die EU ist der größte Wirtschaftsraum der Erde und hat mit dem Euro eine starke, international nachgefragte, relativ stabile Währung. Wie konnte es soweit kommen, dass die EU nicht nur kein Projekt hat, das mit dem digitalen Yuan und Diem konkurrieren kann – sondern noch nicht einmal über global relevante Zahlungsdienstleister und Handelsplattformen verfügt? Was ging schief? Es wird Zeit, diese Frage zu stellen, und eine Antwort gegenüber den herrschenden Politikern der EU aggressiv einzufordern.

Denn das Szenario, das die Analysten für die Zukunft skizzieren, sieht düster aus für Europa. Auf der einen Seite wird Diem zu einer starken globalen Währung, die beispielsweise in Ländern wie Simbabwe weithin akzeptiert wird. Die USA kann so neben dem Dollar noch eine zweite Währung exportieren.

Auf der anderen Seite pflegt China schon lange die Ambition, den Renminbi global als Währung für den Zahlungsausgleich zu etablieren. Ein digitaler Yuan könnte dieses Ziel vorantreiben, während China sein Gewicht als führende Exportnation einbringt, um andere Länder zu überzeugen.

Anstatt mit dem Dollar als Weltwährung gleichzuziehen, wie es eigentlich der Anspruch des Euro sein sollte, wird die europäische Einheitswährung Bedeutung zugunsten Facebooks Diem und Chinas digitalen Yuan verlieren.

Von den Vorteilen einer digitalen Zentralbankswährung

Extrem deutlich werden die Unterschiede zwischen der EU und China am Beispiel der digitalen Währung einer Zentralbank.

Die Zentralbank Chinas plant seit 2014 eine eigene digitale Währung und treibt diese entschlossen voran. Sie ist auch im Frühjahr 2021 noch nicht live, wird aber getestet und befindet sich technisch kurz vor der Vollendung.

Die EU dagegen hat die letzten 7 Jahren eher damit verbracht, das eigene Zahlungssystem zu loben, einige esoterische Studien zu digitalen Zentralbankgeld schreiben zu lassen und einige eher nischenhafte Projekte zu starten, ohne sich bis heute festlegen zu können, ob sie das mit der digitalen Währung durchziehen will oder nicht. So hinkt die EU China schon heute rund 7 Jahre hinterher. Besser gesagt: Sie hat sich noch nicht einmal in Bewegung gesetzt.

Dabei wäre ein digitales Zentralbanksgeld durchaus wünschenswert, wie die Autoren des Papers bemerken. Für die Nutzer würde es die Gefahr von Identitätsdiebstahl und Phishing reduzieren, die Gebühren von Zahlungen senken und das Settlement von Aktien und Wertpapieren effizienter machen und beschleunigen.

Noch größer wären die Vorteile für Zentralbanken. So hätten diese etwa geldpolitisch einen größeren Spielraum. Anstatt durch die Quantitative Lockerung die Geldmenge immer weiter auszuweiten – und damit zu riskieren, eine schwer kontrollierbare Inflation einzuleiten – könnte die Zentralbank mit negativen Zinsen arbeiten. Wenn das Geld komplett digital ist, muss sie dann keinen Bank Run befürchten, durch den die Sparer ihr Geld als Bares abheben.

Darüber hinaus würde ein digitales Zentralbanksgeld den Wettbewerb im Bankwesen stärken. Denn die Bürger könnten ihr digitales Geld direkt in verzinste Konten bei der Zentralbank deponieren. Dies würde zahlreiche Probleme im Bankwesen mindern: die Gefahr von Bankruns, die direkten und indirekten Kosten der Einlagensicherung, die Notwendigkeit, große Institute durch Bailouts zu retten, um allzu heftige Folgen einer Pleite zu verhindern …

Kurzum: Für eine Zentralbank und einen Staat kann eine digitale Währung ein extrem hilfreiches Instrument sein, um nicht nur die internationale Stellung einer Währung anzuheben, sondern auch, um effizienter auf die Wirtschaft einzuwirken. Dass EU und EZB auch sieben Jahre, nachdem China dies erkannt hat, noch immer nicht darauf gekommen sind, stimmt nicht eben optimistisch für die Zukunft unseres Kontinents …



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